Der Schrei der Vergessenen
Regie:  Hännes Gally  Genre: Doku  Jahr: 2000    Länge: 90 min
Kamera: Hännes Gally    Drehbuch: Hännes Gally    Produzent: Martina Meyerhoff/Gally Film
Darsteller:  Anna Schuleit (Protagonistin)    
Ton: Martina Gally    Musik: Peter Hardt    Schnitt: Hännes Gally    webside: gally-film.de

Inhalt:  "Ein gigantisches Projekt für so eine junge Künstlerin" sagte Christo. Und er meinte Anna Schuleit aus dem Rheingau, die während ihres Studiums in den USA auf eine riesige, verlassene Irrenanstalt stößt. Das morbide Objekt läßt sie nicht mehr los. Sie beschließt, das 126 000 Quadratmeter große Gebäude-Wrack "singen" zu lassen: Aus über hundert Lautsprechern soll das "Magnificat" von Bach erschallen und die Anstalt für einen Abend zu einem einzigen Klangkörper machen, um ein letztesmal zu erinnern an die ungezählten vergessenen ehemaligen Patienten mit ihren oft schrecklichen Schicksalen. Der Zuschauer geht in diesem Film mit Anna durch die Gänge und Räume der verlassenen Anstalt, steigt in die Keller des Grauens, taucht ein in Wechselbäder der Gefühle. Gleichzeitig entsteht das Porträt einer charismatischen Künstlerin, deren Beharrlichkeit fasziniert, deren Werk nach 6 Jahren endlich Wirklichkeit wird. Eine Parabel für Hoffnung und Willensstärke - und des Respekts vor dem Leiden von Menschen.

warum gescheitert: Wurde bei Arte eingereicht, dort von der zuständigen Redakteurin nicht verstanden. Trotz größter Bemühungen über das ZDF und 5(!) ARD-Anstalten, die den Film gerne bei Arte gesehen hätten, gelang es nicht, die Produktion dort unterzubringen. Am Ende lief der Film in einer 65 Minuten Version bei 3 Sat. Ironie des Schicksals: Der Film wurde für den Deutschen Kamerapreis nominiert (Schnitt). Dieser Preis wird vom ZDF und dem WDR ausgelobt, beide Sender zeigten den Film nicht in ihrem Programm.

Unser Kommentar: Was für ein schöner Gedanke: von Menschen verlassene Häuser, die dem Abbruch anheimfallen von ihrem irdischen Balast zu befreien. Von ihren Leiden, Freuden und gelebter Zeit zu erlösen. Das sie befreit gleich beseelten Wesen von der hiesigen Wirklichkeit endgrenzt ins Nirvana der Verzeihens gleiten können. Hier zeigt sich ein zutiefst empfundener Humanismus. Wie der "Stalker(Führer)" von Tarkowski führt uns Anna Schuleit in die verbotene Zone. Doch bevor diese Utopie gesprengt wird, befreit sie diese von sich und seiner Geschichte. Der Geschichte einer Psychatrie, die mit besten Absichten letztlich menschenfremd geblieben ist. Diese Reise mit dem Grossmeister der sprituellen Musik: J.S.Bach zu begehen, ist mehr als stimmig. Das "arte" hier wie der Ochs vorm Berge steht, sollte uns nicht irretieren, sondern in unseren Mut zu neuen Formen der Kunst beflügeln. Die meisten Filmpolizisten sind von "Einer flog übers Kuckucksnest" sozialisiert worden und im kritischen Reflex gegen die "staatlich organisierte Zwangspsychatrie" leblos verharrt. Seien wir also milde.