EXIT - Räumliche Übergänge
Regie:  Ernst Spiessberger  Genre: Experimental  Jahr: 2006    Format: 16mm/DigiBeta    Länge: 12 min
Kamera: Holger Boening    Produzent: Ernst Spiessberger & HFF - Potsdam
Darsteller: Billi Pirkelbauer, Daniel Weik    
Ton: Florian Marquardt    
Inhalt: Ein Liebesfilm der besonderen Art. Im Kontrast zu den gängigen Gefühlsschlachten, beschränken sich die

warum gescheitert: Menschen wollen im Film Gefühle sehen und spüren und eine Geschichte haben die man versteht. Beides kommt hier nicht vor.

Unser Kommentar: Wer sich „Exit“ von Ernst Spiessberger nähern will, sollte dies mit einem frisch polierten metaphorischen Opernglas tun. Denn dann kann der Zuschauer erst den feinen Strang, zwischen Laub und Bäumen im tiefen Wald der Irrungen entdecken, der ein schmerzvolles Liebesdrama zeigt, das den Erzählungen Richard Wagner durchaus adäquat nahe kommt. Ein grünes Männchen(Tristan) im Walde, nur mit Fernsehmonitoren mit der restlichen Welt verbunden fühlt sich von der Bilderflut mehr und mehr aufgefressen. Die gefräßige Raupe(Haen?) geifert schon nach seinen Opfern, mit dem Gift der langen Weile und des Traumverlustes Frei nach Fassbinder: Bilder fressen Seele auf, das Unterbewusstsein, die fremd erzeugten, entkoppelten Bilder die mächtig unser Mitgefühl erschlagen...Ernst Spiessberger erzählt in poetisch verdichteten Bildern die Sehnsucht, aus dem(seinem) Wald herauszukommen. Den Wunsch nach Verschmelzung mit einer anderen Seele. Zwei stumm sich verschmelzende Fische! Wie zwei sich gegenüberliegende Spiegel. Nie ist der Liebestod des Tristan und Isolde im Film schöner und treffender dargestellt worden. Vom Wunsch, der Ahnung um dieses andere Ich, dieser Liebespartnerin getrieben verlässt ER(A) den Wald, übersteht Abenteuer und findet sich in der Zivilisation wieder. Von einem Höllenhund(Himmelhund?)bedroht geht er weiter, weiter über sich selbst hinaus. Der Schrecken durch das Hundegebell bekommt durch das stilisierte Umfallen erst die Kraft jener absurden Ironie, die angelangt am Hochhaus Nr. 38., erst den Höhepunkt erreicht. Jetzt, spätesten jetzt, muss der letzte versteinerte, noch in seinem eigenen Wald verhaftete Zuschauer lachen, entfesselt lachen. Denn da steht nun SIE(B) plötzlich vor ihm. Und beiden wissen, sie gehören zusammen. Das grüne Männchen und das blaue Weibchen, Bonnie und Clyde, Tristan und Isolde, A und B, Orpheus und Eurydike, bereit gemeinsam in die Unterwelt zu gehen. Selbst der Höllenhund bleibt stumm, bei so viel Liebesgesang. Das Ernst Spiessberger sich diesem Gefühl stellt, zeigt nicht seine inszenierte Gefühllosigkeit, wie er von sich selber behauptet, sondern mehr noch, durch den entfernten Blick, der schmerzenden Differenz zwischen Vorstellung und Erfahrung erzeugt er das wahre Mitgefühl, das in seiner feinen Sinnlichkeit erst im Kopf, dann aber im Herzen den Funken versprüht, der uns zum Mitgestalter dieses nun wahrlich nicht gescheiterten Filmes werden lässt. Bereitwillig folgen wir den Protagonisten in den Untergrund, in die innere Natur, der Leidenschaft. Hier wird Wagner besser verstanden als anderswo. Bildlich und klanglich symbolisch(Dank an Florian Marquardt). Das Schlossgeräusch(Gefängnis der Liebe?) wir hier zur thematischen Sentenz, gleich einem Leitmotiv. Die Raupe, oder Hagen, der stille gefräßige Nachbar, das Gewissen, lauert bereits nach seinen Opfern. So können beide ihr neu gefundenes Liebesglück nicht genießen, die Zivilisation, der einsame Ritter holt sie ein und raubt ihm seine Braut. Wie einst bei Helena reitet der Westernheld mit seiner Beute gen Westen, während sich der tragisch „grüne“ Held dem Mob (Hagen-die Moderatorenraupe) zum Fraße vorwirft. Jetzt, erst jetzt beginnt die Wandlung, der eigentliche räumliche Übergang – der Exit. Der leblose Körper versinkt im Morast. Mit breiter Zähigkeit gezeigt, mit der unumstößlichen Treffsicherheit des Kameramenschen Holger Boening, versinkt der grüne Restkörper wie einst das Pferd in Lars von Triers “element of crime“ und noch gezielter in dem grandiosen Werk „europa“ im Dschungel des Unbewussten, wo er über Jahre vor sich hingärend, letztlich von einem Taucher auch dem Diesseits geborgen wird. Frierend und allen steht nun unser Held wieder in unserer Welt. War SIE(B) ein Traum, war ICH(A) ein Traum? musste er gedacht haben, als er den beiden im Auto fortfahrenden Filmermachern hinterher schaute. So zurück gelassen im Wald, wie wir Zuschauer hier im Kino. mit reichlich poetisch gefüllten Pickknick-Koffer unterm Autositz, absolut sehenswert...