Regie:
Siegfried Ressel und Hannes Richter Genre: Dokumentarfilm Jahr: 2013 Länge: 120 min
Kamera: Sebastian Hattop, Siegfried Ressel, Christoph Rohrscheidt, Olaf Dorow, Emma Gräf Drehbuch: Siegfried Ressel, Sebastian Hattop Produzent: Siegfried Ressel, a+r film
Ton: Hannes Richter Musik: Hannes Richter Schnitt: Hannes Richter webside: www.ar-film.de
Inhalt: Was bedeutet Leben in der ostdeutschen Provinz, in einer "Problemregion", wenn alles, was ein funktionierendes Dorf ausgemacht hat, plötzlich nicht nichts mehr wert ist? Zwei unübersehbare Bauwerke, ein riesiges Kulturhaus und das noch viel größere Kraftwerk -beides nach der Wende funktions- und damit sinnlos geworden- prägen die Silhouette des Ortes wie Menetekel. Und beide sollen "irgendwie" erhalten werden. Zwei ganz konträre Protagonisten stehen für diesen trotzigen Versuch dieses Erhalts, aber es geht vor allem um Selbstbehauptung und Lebensfreude. Diese Lebensfreude wiederum gipfelt in einem für Plessaer Verhältnisse exzessiv gefeierten Karneval. Der auch ein ganzjährige Baustelle ist. Eine filmemacherische Ausgangssituation par excellence, der wir uns mit Leidenschaft und Mitgefühl zu den Menschen von Plessa gestellt haben. Da ist HaJo Schubert, Wessi, ehemaliger Gewerkschafter, der einen Investor für das mit vielen Fördermillionen für die IBA als Industriemuseum sanierte Kohlekraftwerk finden soll und da ist Gottfried Henecke, Plessaer: arbeitslos gewesen, dann wieder Arbeit und ein neues Selbstverständnis gefunden und ehrenamtlicher Bürgermeister von Plessa geworden. Er soll dafür sorgen, dass es "voran geht". Doch was soll eigentlich "voran gehen"? Und wo ist der verdammte Investor für das Kraftwerk? Immerhin, Doris findet Plessa einfach: "schön!" Und der Karnevalsverein baut einen Esel, der goldene Dukaten scheisst. Das ist viel in einer Gegend in der nicht viel ist und nichts "voran geht". Eine Ideallandschaft fürs Scheitern...
warum gescheitert: Der Film ist von uns professionellen Filmemachern produziert worden schon mit dem eventuellen Scheitern als finale Aussicht: wir haben von vornherein auf Redaktionen, Sender und Filmförderung verzichtet, weil wir uns das (in der redaktionellen Fachsprache "schierige") Thema (Osten, Provinz, Loser) weder inhaltlich noch formal zerreden lassen, noch beim Themenpitching einen DokFilm-Ort wie Plessa bedeutungsschwer hochjazzen wollten. Ohnehin war zu Drehbeginn nicht klar, wohin die Reise gehen wird, denn das Ganze war als Langzeitdoku angelegt. Mit dem o.g. einkalkulierten Scheitern haben wir eine filmemacherische Freiheit erfahren, die uns bei Auftragsproduktionen sicher nie zugestanden worden wäre. Soweit so gut. Andererseits müssen wir konstatieren, dass ca. 30 Festivals den Film nicht haben wollten. Dieses Scheitern war nicht einkalkuliert, denn wir hatten schon auf Festivalteilnahmen geschielt und fest mit wenigsten ein oder zwei gerechnet - dort und nicht im TV sollte er laufen, so dachten wir. Aber daraus ist nichts geworden. Kein Festival wollte den Film. Dennoch stehen wir zu "Plessa.", wir lieben ihn nach wie vor und finden ihn wichtig. Für uns und alle anderen. So!
Unser Kommentar: Von anderen WIR-SIND_DIE-BESTEN-UND WOLLEN-INS- Staatsfernsehen-FESTIVALS zu recht abgelehnt. Denn ihm fehlt die elementare rosarote Brille. Wir wollen uns empören, sofawarmen Selbstbetrug. Diese Aufrichtigkeit, diese Ehrlichkeit ist unerträglich, ja fast subversiv. Jenseits des staatlich verordneten Ost-West-Vereinigungsgedusels öffnet dieser Film eine kleine Tür in ein kleines Herz eines kleinen Dorfes. Mit der liebevollen Distanz - als hätte der DEFA-Doku-Star Volker Koepp Pate gestanden - wird genau analysiert, warum gerade diese kleinen Dörfer die Rückzugsbiotope für all jene durch den freien Markt zum Seelentode gehetzten Opfer sein könnten. Ein Museum als sponsorenfreie Zone in Brandenburg, kaum denkbar! Wie sympathisch, wie mutig, wie Ost! Diese Doku führt uns an die Quelle des eigenen Genres heran.